Die Reise ist noch lange nicht zu Ende: Dagmar Araia

Durch das Buch „Neustart mit 50+“ , welches leider derzeit nicht mehr im Buchhandel erhältlich ist, bin ich auf Dagmar Araia aufmerksam geworden. Sie war 2009 von der Insolvenz und der folgenden Liquidation des Versandhauses Quelle betroffen. 26 Jahre war sie dort tätig gewesen und wurde dann im Alter von 51 Jahren von einem Tag auf den anderen arbeitslos.
Außer Arbeitslosigkeit und befristeten Arbeitsverträgen bot der Arbeitsmarkt ihr keine wirklichen Alternativen. So entstand der Wunsch nach beruflicher Selbständigkeit.
Heute ist Dagmar als freiberufliche Autorin tätig.

Dagmar, wie sah dein Weg nach der Insolvenz des Versandhauses Quelle aus?
Ich habe zunächst nebenberuflich selbstständig als Korrektorin gearbeitet. Nebenberuflich deshalb, weil ich „hauptberuflich“ arbeitslos und auf Stellensuche war. Mit einer der vielen Bewerbungen hatte ich auch Erfolg: Nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit habe ich angefangen, bei einer Bank zu arbeiten.
Dort war ich insgesamt gut zweieinhalb Jahre tätig; immer mit Verträgen, die auf einige Monate befristet waren. Eine dauerhafte Perspektive habe ich so für mich nicht gesehen. Deshalb habe ich wieder den Ideenfaden aufgenommen, den ich schon nach der Insolvenz des Versandhauses Quelle hatte: Den Start in die Selbstständigkeit.
Inzwischen hatte sich das Veröffentlichen von E-Books auch in Deutschland etabliert und ich erkannte sehr schnell: Das ist der Weg, den ich gehen will.

Du bist bei der vorhergehenden Frage schon etwas darauf eingegangen: Was hat dich bewogen, den Weg in die Selbständigkeit zu gehen?
Die Geschäftsführung der Firma Quelle hatte im Juni 2009 die Insolvenz angemeldet. Ich habe dann noch bis Ende Oktober dort im Einkauf gearbeitet, wenige Wochen später wurde die Firma komplett abgewickelt.
Bereits im Juni begann ich, mir Gedanken um meine berufliche Zukunft zu machen. Mir war bewusst, dass meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt aufgrund meines Alters nicht die besten waren. Die weitere Zukunft unseres Arbeitgebers war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Geplant war von der Insolvenzverwaltung zunächst die Fortführung der Firma, gegebenenfalls mit neuen Besitzern. Was ein Verkauf für unsere Arbeitsplätze bedeuten würde, war völlig unklar.
In dieser Situation fasste ich zum ersten Mal die Idee der Selbstständigkeit ins Auge. Mein Plan war mich zu informieren, Ideen zu entwickeln und die entsprechenden Schritte zu planen. So wäre ich – unabhängig vom weiteren Schicksal meines Arbeitgebers – für meine berufliche Zukunft gewappnet.

Welche Talente/Begabungen/Neigungen konntest du einbringen?
Ich habe meine Liebe zum Umgang mit der Sprache eingebracht. Auch während meiner Arbeit bei der Quelle stand die Sprache im Mittelpunkt: Beim Prüfen und Überarbeiten von Katalogtexten, beim Schreiben von Briefen und E-Mails an Kunden, bei Beratungsgesprächen mit Kunden. Ich hatte schon vorher in meiner Freizeit belletristische Texte geschrieben und wollte nun den Schritt wagen, das Schreiben zum Beruf zu machen.

Welche Hürden musstest du meistern?
Eigentlich gab es keine größeren äußeren Hürden zu meistern. Mein Selbstbewusstsein zu stärken und Ängste zu überwinden hat mehr Energie in Anspruch genommen. Da ich meine Reiseführer selbst als E-Books veröffentlichte, musste ich nicht auf Verlagssuche gehen, hatte also auch nicht mit Absagen zu kämpfen.
Meine Bücher der Reihe „Neustart mit 50+“ sind im be wonderful! – Verlag erschienen. Ich hatte mich dort beworben, weil ich der Meinung war meine Ratgeber würden gut ins Verlagsprogramm passen. Das sah der Verleger wohl ähnlich: Ich stellte ihm mein Projekt vor und kurz danach waren wir uns einig und haben den Verlagsvertrag unterschrieben.
Im Moment arbeite ich an meinem ersten Roman, den ich wieder selbst veröffentlichen werde.

Was hat dir Mut gemacht, diesen Weg zu gehen? Was hat dich getragen?
Ich habe gleich mit meinem ersten Buch – ein Reiseführer für Gran Canaria – einen Preis gewonnen (den 2. Platz beim Indie Author Award in der Kategorie Sachbuch). Die Preisverleihung bei der Buchmesse in Leipzig 2014 war wirklich ein besonderer Moment für mich. So hatte ich auch ohne einen Verlag im Hintergrund die Gewissheit, dass das was ich da tue, gut ist und Anklang findet.

Gab es auch Zweifel an der Selbständigkeit?
Natürlich. Wahrscheinlich gibt es niemanden, der selbstständig ist und nie Zweifel hat. Und mal ganz ehrlich: Zweifelt jemand, der angestellt berufstätig ist, nie an seiner Tätigkeit? Ich denke, es bleibt einem nichts anderes übrig als zu lernen, mit den Zweifeln, die immer wieder mal kommen, zu leben. Ich sage mir in solchen Situationen immer, dass ein Arbeitsplatz auch nicht sicherer wäre. Denn das sind die Arbeitsplätze heute nicht mehr. Es ist ja nicht mehr wie früher, wo Menschen 30 oder 40 Jahre bis zur Rente in einem Betrieb gearbeitet haben.

Was ist das Wichtigste, was du auf deinem Weg gelernt hast?
Mit Zweifeln und Ängsten umzugehen und nicht aufzugeben.

Gab es Begleiter, Weggefährten, Menschen, die dir Mut gemacht haben?
Ja, besonders mein Mann. Er hat mich immer vorbehaltlos unterstützt und tut es auch jetzt noch jeden Tag. Wer sich – gerade in unserem Alter – selbstständig macht, wird nicht nur Zuspruch erfahren. Viele Menschen und ja, dabei werden auch Freunde und eventuell Familienangehörige sein, werden Bedenken anmelden und sagen, dass es ihrer Meinung nach nicht funktionieren kann. Das sollte man zum einen nicht persönlich nehmen und sich zum anderen von den Ängsten anderer Menschen auf keinen Fall anstecken lassen.

Was würdest du heute anders machen?
Ich habe anfangs Bedenken von anderen Menschen zu persönlich genommen und habe mich teilweise verletzt gefühlt. Ich würde mich heute früher darauf konzentrieren, mir ein Netzwerk von Gleichgesinnten aufzubauen. Der Austausch mit anderen Selbstständigen ist wichtig und hilfreich.

Was rätst du Menschen in der Lebensmitte, die ihren eigenen Weg gehen möchten?
Es ist meiner Meinung nach wichtig, nicht zu Beginn zu hohe Erwartungen an sich selbst bzw. an das zu erzielende Einkommen zu stellen. Die Selbstständigkeit darf langsam wachsen.
Menschen, die in der Lebensmitte ihren eigenen Weg gehen möchten haben die einmalige Chance, vieles zu verwirklichen, von dem sie vielleicht schon sehr lange geträumt haben. Das ist ein sehr großes Glück. Die Zufriedenheit, die daraus entsteht, ist unsagbar viel wert.

Wie bist du mit Existenzängsten umgegangen (oder gab es die nicht für dich)?
Ja, die kommen immer wieder mal, zusammen mit den Zweifeln. Eine Selbstständigkeit darf wachsen. Ich habe jetzt noch einmal einen komplett neuen Beruf gelernt. Eine Berufsausbildung dauert in der Regel drei Jahre. Verdient man während der Ausbildungszeit so viel wie ein Fachmann? Nein. Also brauche ich es auch nicht von mir selbst zu erwarten. Ich habe das Glück, entsprechende Rücklagen zu haben, auf die ich zurückgreifen kann. Dies ist ein wichtiger Aspekt beim Start in die Selbstständigkeit: die finanzielle Planung. Dazu gehört auch die Planung für die Zeiten, in denen das Einkommen geringer ausfällt.

Was hat dich überrascht auf deinem Weg? Was hat sich seitdem verändert?
Dass ich komplett neu lernen musste, mir eine eigene Arbeitsstruktur zu schaffen. Ich glaube man kann nicht jahrzehntelang angestellt gearbeitet haben und dann von einem Tag auf den anderen der „perfekte“ Selbstständige sein. Das ist ein Lernprozess. Dass er so groß ist, hatte ich am Anfang nicht erwartet.
Veränderungen finden immer wieder statt. Ich kann Ziele verändern, Arbeitsweisen und vieles andere. Sehr schön dabei ist die freie Entscheidung, die allein bei mir liegt.

Was waren deine Rückschläge (wenn es sie gab) und was deine Erfolge?
Nicht alle Bücher verkaufen sich gut. Manchmal werden Hoffnungen enttäuscht, weil Buchprojekte nicht so von den Lesern angenommen werden, wie man das erwartet hatte. Kolleginnen sagen mir, dass das ganz normal ist, trotzdem empfindet man das erst einmal als Rückschlag.
Erfolge, über die ich mich sehr freue, sind positive Rezensionen von Lesern für meine Bücher. Wenn ich den Lesern genau das gegeben habe, was ich geben wollte, dann freut mich das jedes Mal aufs Neue ungemein.

Wenn du drei Wünsche frei hättest für deinen weiteren Lebensweg, welche wären das?
Gesund zu bleiben, mit meinem Mann zusammen noch viele schöne Jahre erleben, noch viele Bücher schreiben.

Liebe Dagmar, ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview. Nun bin ich schon ganz neugierig auf deinen Roman. Ich wünsche dir noch ganz viel kreative Schaffenskraft und alles Gute.
Herzlichst,
Sabine

Fotos: Dagmar Araia

Update 29.11.2020

Dagmar hat ihre Selbständigkeit aufgegeben, da Aufwand und Anstrengung stetig anstiegen und das Einkommen immer weniger wurde. Seit 1.04.2020 hat sie eine Stelle in einem Büro im öffentlichen Dienst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.