Das Geschenk des Loslassens

Der goldene Herbst nimmt Abschied, die Bäume lassen ihre Blätter los. Jetzt beginnt die Zeit der Stille und des Rückzugs. Novembernebel kündigt die dunklere Jahreszeit an, erste Nachtfröste zeigen sich. Die Natur bereitet sich auf den Winter vor.
Es ist eine Zeit des Rückzugs.
Während der Dezember für die besinnliche Advents- und Weihnachtszeit steht, ist der November der Monat des Abschiednehmens und Loslassens.
Manchmal erscheint diese Zeit trostlos und doch ist dieser Rückzug wichtig, um neue Kräfte zu sammeln.

In unserem Leben müssen wir immer wieder Abschied nehmen – von bestimmten Lebensabschnitten (Kindheit, Schulzeit, Beruf…), von lieben Menschen, von Gewohnheiten, von Räumlichkeiten, von Dingen, von Überzeugungen und Zielen. Diese Abschiede und Verluste können sehr schmerzhaft und manchmal sogar existenziell bedrohlich sein – wie zum Beispiel bei einer schweren Erkrankung. Hier kann ein soziales Netzwerk zunächst erst einmal Halt geben und Raum für Besinnung schaffen. Vor allem dann, wenn wir das Gefühl haben, den Boden unter den Füßen zu verlieren und keinen Halt zu finden. Dann kann ich Schritt für Schritt lernen, die Situation anzunehmen. Wenn ich versuche krampfhaft festzuhalten, blockiere ich meine eigene Entwicklung und bleibe in der Situation stecken. Ich lebe in der Vergangenheit und nicht in der Gegenwart. Dies bedeutet gleichzeitig aber auch, dass ich unzählige Möglichkeiten für die bewusste Gestaltung meines Lebens verpasse und damit auch meine Zukunft beeinflusse.
Leben bedeutet Bewegung, Veränderung. Wenn wir uns weiterentwickeln wollen, müssen wir neue Wege gehen.
Albert Einstein hat den schönen Satz geprägt:

Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.

Indem wir uns den Veränderungsprozessen stellen und sie bewusst gestalten, werden wir wieder zum Akteur unseres Lebens. Das Geschenk dafür kann innere Freiheit, Leichtigkeit, Frieden, Neuausrichtung und vor allem wieder neue Lebensfreude sein.
Manchmal kann es sein, dass wir das Geschenk des Loslassens nicht (gleich) erkennen können. Dann hilft es, wenn wir uns fragen, was der Gewinn ist oder sein könnte. Wenn wir genauer hinschauen, können wir es spüren: Wir gewinnen an Stärke, wir können durchhalten, wir erwerben neue Fähigkeiten und wir können daran wachsen.

Dabei kann es am Anfang auch vorkommen, dass wir uns sehr traurig und verlassen fühlen – nämlich dann, wenn durch den Verlust zunächst eine Lücke entsteht. Wenn wir etwas verloren haben, was für unser Leben sehr wichtig war (zum Beispiel einen geliebten Menschen) und wir uns ein Leben ohne nicht vorstellen können. Dann brauchen wir Zeit, diese Ereignisse in unserem Tempo zu verarbeiten.

Heute vor einem Jahr ist mein Vati gestorben und ich spüre den Schmerz des Verlustes in mir. Gleichzeitig ist da aber auch eine große Dankbarkeit und Freude für die Geschenke des Lebens, die ich durch ihn erhalten habe. Ich bin dankbar, dass er mich ein Stück meines Weges begleitet hat. Liebevolle Erinnerungen sind mir geblieben und helfen mir, nach vorne zu schauen und mein Leben zu leben.

Im Loslassen können wir uns von Unnützem befreien und das Wesentliche erkennen. Was ist die Essenz?

Wer loslässt hat beide Hände frei.
(China)

Nur mit freien Händen kann man dankbar die Geschenke des Lebens empfangen Daher sollten wir uns öfter fragen:

  • Was könnte ich mit freien Hände machen?
  • Was möchte ich in meinem Leben loslassen?
  • Was passt nicht mehr zu mir, was tut mir nicht gut?
  • Woran halte ich krampfhaft fest und warum?
  • Was hindert mich am Loslassen?
  • Was verhindert dadurch mein Wachstum?
  • Wie kann ich in der Zeit des Abschieds achtsam mit mir und meinem Leben umgehen?

Achtsamkeit uns und dem Leben gegenüber kann uns helfen, gut durch diese Zeit zu kommen.

Was können wir tun, um leichter loszulassen?

Loslassen beginnt mit einer bewussten Entscheidung. Ich entscheide mich für die Veränderung. Dazu nutze ich die Macht der Gedanken.
Kommen Gefühle wie Angst, Wut und Trauer auf, kann ich sie achtsam wahrnehmen. Ich akzeptiere, dass sie da sind, halte sie aber nicht fest. Das gelingt am besten, wenn ich innerlich immer wieder „Stopp!“ sage, wenn ich in meinem negativen Gedankenkreislauf gefangen bin. Danach kann ich meine Gedanken nach vorne richten und mich fragen: Was gewinne ich durch die Veränderung? Das kann zum Beispiel mehr Selbstverantwortung sein oder völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten bis hin zu mehr Lebensfreude.

Ich versuche zunächst (eventuell auch in kleinen Schritten) die Ist-Situation anzunehmen und zu akzeptieren, was ich nicht verändern kann. Dabei ist es hilfreich, mich mit den Gegebenheiten und auch mit anderen Menschen (die mich enttäuschten) zu versöhnen. Anspornend können auch Erfahrungsberichte von Betroffenen in Büchern oder im Internet sein.
Ich aktiviere meinen Mut und meinen Optimismus, indem ich mich bewusst immer wieder an Situationen erinnere, die ich erfolgreich gemeistert habe. Damit übernehme ich auch die Verantwortung für mich selber.

Rückzug und Transformation

Loslassen
was nicht mehr zu mir gehört.
Rückzug nach innen.
Eintauchen in die Tiefen meines Seins
bis hin zu den Wurzeln.
Der Stille in mir lauschend
tanke ich Kraft.
Das Neue wird geboren
um nach der Dunkelheit der Nacht
den Weg ins Licht zu finden.

In meinem Klangraum hängt ein selbst gestaltetes Bild meiner Tochter: Phönix aus der Asche. Diese Bild ist für mich ein Kraftquell und ich kann mich innerlich damit verbinden.
Lasst uns wie Phönix immer wieder neu beginnen und unsere Stärke aus unseren Erfahrungen ziehen. Manchmal – wenn die Last für uns zu groß ist – kann es hilfreich sein, sich Wegbegleiter zu suchen. Das können neben Therapeuten auch Angehörige sein, Freunde oder auch Menschen, die schon eine ähnliche Situation gemeistert haben. Auch die längste Nacht ist einmal zu Ende und es folgt ein neuer Tag.
Ich wünsche dir viel Kraft bei deinen Veränderungsprozessen und Menschen, die dir hilfreich zur Seite stehen.
Alles Liebe,
Sabine

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Liebe Maja,
      ja – Loslassen ist eine lebenslange Aufgabe, an der wir wachsen können.
      Hab vielen Dank für deinen Kommentar.
      Alles Liebe,
      Sabine

  1. Liebe Sabine,
    ich danke DIR von Herzen für das, was du über “los lassen” schreibst! Es hat in mir ein Gefühl hoch geholt und ich muss weinen, ich lasse es zu – ich verdränge NICHT mehr die Traurigkeit – die Tränen waschen meine Seele. Ich nehme es an. Ich kann jetzt nicht weiter schreiben…ich sage nur DANKE DIR!
    in Liebe

    • Liebe Moni,
      Dein Kommentar hat mich sehr berührt.
      Hab vielen Dank dafür.
      Es ist schön, dass es Dich gibt. Dein Buch hilft mir auch beim Loslassen.
      Alles Liebe Dir,
      Sabine

  2. Liebe Sabine, danke sehr für diesen wundervollen Artikel….. Es ist sehr stimmig. Es gibt täglich Situation an denen wir loslassen üben können und trotzdem fällt es uns manchmal sehr schwer. Danke für dein SEIN

    • Liebe Elke,
      vielen, lieben Dank für deine Rückmeldung.
      Ja, manchmal fällt das Loslassen sehr schwer und wir brauchen viel Kraft dafür.
      Herzensgrüße zu Dir,
      Sabine

  3. Liebe Sabine, ganz Herzlichen Dank für diese Zeilen die mich sehr berührten. Und die ich nur unterstreichen kann. ❤
    Deine Phönix hab ab ich schon bewundert.
    Herzens Grüße,
    Erika ❤

    • Liebe Erika,
      ja, der Phönix ist für mich ein wunderbarer Kraftquell. Aber auch liebe Menschen, Weggefährten, die Natur….
      Danke dass es Dich gibt.
      Herzensgrüße zu Dir,
      Sabine

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