China, Traumjobs und Selbständigkeit: Ulrike Hecker

Mit Ulriker Hecker möchte ich Euch eine faszinierende Frau vorstellen, deren Leben sehr viel von Reisen nach China, Asien und die Welt geprägt wurde. Dies spiegelt sich auch in ihren unterschiedlichen beruflichen Stationen wieder.
2013 hat sie sich erneut selbständig gemacht. Darüber berichtet sie auch in diesem Interview:

Liebe Ulrike, könntest Du Dich den Lesern kurz vorstellen?

Ich bin Ulrike, Jahrgang 1955, gelernte Reiseverkehrskauffrau. Ich bin schon immer gerne verreist, bereits mit den Eltern in den 1960er Jahren nach Schweden und Finnland. Das Reisen scheint mir im Blut zu liegen. Doch auch Zuhause finde ich es schön. In den letzten Jahren habe ich mich daran gewöhnt, auch meine zwei liebsten deutschen Städte Hannover und Hamburg wie ein Reiseziel zu betrachten. Ich schaue mir Sehenswürdigkeiten an und begebe mich gerne auf Tour in die umliegenden Städte. Auf diese Weise bin ich immer unterwegs, muss gar nicht dauernd in fernen Ländern sein, um meine Reisesehnsucht zu stillen.

Du bist Mitte der 1980er das erste Mal mit Rucksack alleine durch China gereist. Wie kam es dazu?

1987 reiste ich zum ersten Mal nach China. Wie es dazu kam ist eigentlich eine lange Geschichte. Ich traf, es muss so 1982 gewesen sein, in Athen einen jungen Schweden, der unterwegs als Backpacker nach China war. Völlig fasziniert bat ich ihn, mir eine Postkarte von der Großen Mauer zu schicken. Ein paar Monate später lag die Karte dann in meinem Briefkasten. Da war der erste winzige Samen gelegt für mein China-Abenteuer. Als ich mich dann 1985 auf einer kurzen Reise durch das zauberhafte Sri Lanka in die vielen Facetten Asiens verliebte, zog es mich als nächstes nach China.
Ausführlich kannst Du das hier nachlesen: https://bambooblog.de/2015/07/02/von-der-angst-vor-der-reise/

Der Bambooblog ist Dein Reiseblog, auf dem Du vorwiegend über Asien berichtest. Was hat dich dazu bewegt zu bloggen und wann hast du damit angefangen?

Ich habe schon früh angefangen auf meinen Reisen Tagebuch zu schreiben. Das hatte zunächst ganz praktische Gründe: Wenn ich nämlich nichts aufgeschrieben hätte, dann hätte ich schnell vergessen, wo und wann ich meine Fotos gemacht habe. Das Bloggen habe ich erst 2013 angefangen. Vorher bin ich irgendwie gar nicht auf die Idee gekommen, dass das, was ich über meine Reisen schreibe, irgendjemanden interessieren könnte. Doch meine Geschichten haben in mir gedrängt. Hinzu kommt, dass ich gerne meinen Freunden die Schönheit Chinas und anderer Plätze der Welt zeigen möchte. Der ungeheure Zuspruch von teilweise vollkommen fremden Lesern hat mich dann immer weiter gerissen.

Mit Ende 50 hast Du herausgefunden, was Dein Traumjob ist. Kannst Du uns dazu etwas erzählen?

Ich habe mehrmals in meinem Leben meinen Traumberuf gefunden. Da war nach dem Abitur mein Wunsch Klassische Archäologie zu studieren. Oder dann die Idee als Funkerin zur See zu fahren. Manchmal muss man so etwas ausprobieren, um herauszufinden, dass es nicht das Richtige ist. Die Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau war eigentlich eine Verlegenheitslösung, weil mir selbst nicht besseres einfiel. Der Vorschlag kam von meinem Vater. Gerade während der Ausbildung und später stellte ich fest, dass die Arbeit im Reisebüro mir einiges bot, was einem Traumjob sehr nahe kam: Die Arbeit mit Menschen, das Reisen, das Organisieren von Reisen. 15 Jahre vom Verkauf von Reisen bis zu dem, was man heute Produktmanagement nennen würde. Schon damals habe ich professionelle Texte für Kataloge und Reiseausschreibungen erstellt. Als das alles aus verschiedensten Gründen nicht mehr so toll war, bin ich ausgestiegen. Nichts mehr mit Traumjob! Jetzt kam die Traumreise: 18 Monate Asien. Da war ich 35 Jahre alt. Anschließend habe ich in Peking Chinesisch studiert. Denn mittlerweile hatte ich gemerkt, dass China meine ganz große Leidenschaft war.
Als ich zurück kam, habe ich verschiedenes ausprobiert: Marketing, Reisebüroleitung… Dann eröffnete ich mein eigenes Reisebüro in Hannover. Auch ein Traum! Der allerdings nach dem 11.09.2001 böse platzte. Ich musste mein Reisebüro schließen. Aber ich bin jemand, der in solchen Situationen immer sagt: „Wer weiß, wozu das gut ist!“ Mittlerweile war ich Ende 40 und hatte all die üblichen Ängste: Wer würde mich noch nehmen in meinem Alter? Würde ich noch einmal einen guten Job finden? Musste ja nicht ganz mein Traumjob sein! Dann sah ich die Anzeige eines China Reiseveranstalters in Hamburg. Und bekam die Stelle! Auch dieser Job war mein Traumjob, der richtige Job zur richtigen Zeit. Aber auch das veränderte sich, allmählich. Manchmal fühlte ich mich wie gefangen: Sollte das alles sein? Bis zur Pensionierung Reisen nach China organisieren? Welche Alternativen hatte ich? Heimlich bewarb ich mich woanders, aber letztlich war es doch alles das Gleiche. Ich war Reiseverkehrskauffrau: Wozu befähigt diese Ausbildung mich?

2013 hast Du Dich als freie Journalistin, Social Media Expertin und Reisebloggerin selbständig gemacht. Was hat Dich bewogen, diesen Weg zu gehen?

2012 passierte es: Ich bekam die Möglichkeit als Redakteurin bei der Deutsch-Chinesischen Allgemeinen Zeitung zu arbeiten. Wenig Verdienst und viel Arbeit. Doch das war es! DER Traumjob! Ich war Mädchen für alles, konnte mich neben dem Schreiben von Artikeln auch mit komplizierten Layout-Programmen beschäftigen; Social Media für die Zeitung aufbauen, Kontakte mit bekannten Sinologie-Professoren und Journalisten pflegen. Ende 50 und in allem gefordert: Flexibität, Neues lernen, Umgang mit den Social Media, Analysen, Marketing.
Allerdings war auch dies noch nicht das, mit dem ich die Jahre bis zur Rente verbringen konnte. Denn im Sommer 2013 wurde die Printausgabe eingestellt.
58 und wieder vor dem Aus! Doch mit meinen neu gewonnenen Kenntnissen entschloss ich mich, mich selbständig zu machen. Als Freie Journalistin, als Social Media Expertin. Dass man als Reiseblogger auch Geld verdienen kann, erkannte ich erst später. Das ist aber auch nicht viel. Mittlerweile habe ich einen kleinen China Reiseveranstalter als größten Auftraggeber. Da habe ich viel freie Hand bei den Texten für die Webseite, für den Blog, für Pressemitteilungen, Newsletter usw. Manchmal denke ich mir eine neue Reise aus. Das macht mir immer noch großen Spaß.

Welche Hürden musstest Du meistern?

Die Finanzierung war das größte Problem. Aber ich habe noch nie viel Geld gebraucht. Ich habe alles an Hilfe angenommen, die es gibt: Beratung und Seminare für Existenzgründer, Geld vom Arbeitsamt. Ich muss sagen, die Leute vom Arbeitsamt (Agentur für Arbeit) waren allesamt klasse und haben mir sehr geholfen.

Gab es auch Zweifel an Deinem Weg und wenn ja – wie bist Du damit umgegangen?

Na ja, manchmal möchte ich nicht so flexibel sein, wie es anscheinend immer wieder von mir verlangt wird. Dann träume ich von einem Job, in dem ich Akten von einem Stapel links nach kurzer Bearbeitung auf einem Stapel rechts ablege, von mehr Routine, mehr Sicherheit. Aber das ist es nicht für mich!

Wer oder was hat Dich auf Deinem Weg bestärkt?

Freunde und vor allem der Berater von der Handelskammer.

Was ist das Wichtigste, was Du auf deinem Weg gelernt hast?

Man sollte immer positiv sein. Depressive Phasen dürfen sein, müssen aber auch wieder vorbei gehen. Nie den Typen vom Arbeitsamt beschimpfen. Nicht verzweifeln. Irgendwie geht es immer weiter. Und manchmal muss man in den sauren Apfel beißen und auch einen nicht so traumhaften Job zumindest für eine Zeit lang akzeptieren können. Wenn es fürs Überleben notwendig ist.

Welche Stärken konntest Du einbringen?

Meine Flexibilität; mein kaufmännisches Verständnis; meine Computeraffinität; mein Talent zu schreiben; mein Wille, immer etwas Neues zu lernen; mein Talent, mich selbst sympathisch zu präsentieren.

Was rätst Du Menschen in der Lebensmitte, die ihren eigenen Weg gehen möchten?

Verrennt Euch nicht in Ideen! Bleibt flexibel und offen für alles! Hört niemals auf zu lernen! Seid offen für konstruktive Kritik!

Wenn Du drei Wünsche frei hättest für Deinen weiteren Lebensweg, welche wären das?

Das ist eigentlich eine sehr schwere Frage für mich. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich in meinem Leben viele Träume umgesetzt habe und nur wenige Wünsche übrig sind.

1.Halbwegs finanzielle Sicherheit, auch wenn ich Rentnerin bin
2.Innere Zufriedenheit
3.Ich würde gerne mehr Vorträge halten

Wie kann man mit Dir in Kontakt treten?

Email: bambooblog@gmx.de

Lebensmotto:
Smile and the world smiles with you! (Lächle und die Welt lächelt mit Dir!)

Liebe Ulrike, ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview und wünsche Dir noch ganz viel kreative Schaffenskraft und alles Gute.
Herzlichst,
Sabine

Foto: Ulrike Hecker

Update 30.11.2020


Bild von JLB1988 auf Pixabay

Was hat sich seit dem Interview bei Dir verändert – und – Wie gehst Du mit der aktuellen Krise um?

Diese Fragen möchte ich in eins beantworten: Lange Zeit hat sich beruflich nicht viel geändert. Mein Hauptauftraggeber war ein China-Reiseveranstalter in Hamburg. Also habe ich fleissig weiter Texte für Katalog und Webseite geschrieben und mich mit China beschäftigt.
Mein Bambooblog entwickelte sich prächtig.
Eine Belastung war, dass mein Vater im Pflegeheim immer mehr Aufmerksamkeit brauchte. Die letzten Jahre hat er fast nur noch im Bett gelegen. Ich habe ihn fast jeden Tag besucht.
Dann kam Corona und nichts war mehr mit China und Tourismus. Mir brach fast das gesamte Einkommen weg. Anfang März bekam ich am gleichen Tag die Nachrichten, dass ich meinen Vater nicht mehr im Heim besuchen dürfe wegen Lockdown, und, dass ich als Risikoperson (ich war 64) nicht mehr ehrenamtlich für die Bahnhofsmission tätig sein durfte.
Beides katastrophal für mich: Viel freie Zeit und nichts zu tun! Ich verbrachte die meiste Zeit damit, alte Artikel auf dem Blog zu optimieren, Themen für neue Artikel zu finden.
Als es wieder lockerer wurde im April und meine Reserven schwanden, fand ich einen Job in einem Callcenter.
Nicht ganz meins.
Nach sechs Wochen war Schluss.
In dieser Zeit ist mein Vater gestorben. Ich durfte ihn in seiner letzten Stunde besuchen.

Irgendwie habe ich mich durchgewurstelt. Dann habe ich gemerkt, dass mich es verhältnismäßig wenig gestört hat, dass ich nicht reisen kann. Es scheint, dass ich dem Inneren Frieden ganz nah bin, den ich in dem ursprünglichen Interview mir gewünscht habe.
Ende August hat mich mein ehemaliger Arbeitgeber gefragt, ob ich nicht helfen könne, die Deutsch-Chinesische Allgemeine Zeitung wieder in Gang zu bringen. Also arbeite ich jetzt wieder viel als Journalistin. Wir hoffen alle, dass man bald wieder nach China kann.

Was wünschst Du Dir für Deinen weiteren Lebensweg?

Dass die Pandemie bald unter Kontrolle ist, und man wieder nach China darf!

Was braucht es, damit Du Dich wohlfühlen kannst?

Da brauch ich wirklich nicht viel! Eine gute Tasse Kaffee, ein Spiegelei oder zwei. Wichtig sind mir vor allem persönliche Kontakte, Freunde, mit denen ich mich im realen Leben treffen kann.
Ich hab das meiste in einem Artikel vor ein paar Wochen zusammengefasst: https://www.bambooblog.de/was-mich-das-reisen-gelehrt-hat/

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Sabine,

    danke für das Interview! Deine Fragen haben mich dazu veranlasst, mal genauer über meinen Lebensweg nachzudenken.
    Viel Erfolg
    Ulrike

    • Liebe Ulrike,

      ich danke Dir für den Einblick in Deinen Lebensweg.
      Ich bin so dankbar für dieses Teilen, denn es macht Mut, auf sein Herz zu hören und den eigenen Weg zu gehen.
      Herzliche Grüße,
      Sabine

    • Hallo Jon,

      Ulrike hat Mut und was mich besonders fasziniert – sie hat immer auf ihr Herz gehört.
      Liebe Grüße,
      Sabine

  2. Ein toller Bericht über Ulrike. Wir „verfolgen “ uns schon recht lange und ich freue mich immer wieder über ihre Kommentare. Wir sind ja beide vom gleichen Jahrgang und da ist es besonders spannend und super zu sehen, dass es noch mehr so Verrückte gibt. Ich bewundere Ulrike sehr und hoffe, ich darf sie irgendwann auch mal persönlich kennenlernen.
    Danke für das Interview!
    Alles Liebe
    Ute

    • Liebe Ute,

      da werde ich gleich neugierig auf Deine Webseite schauen.
      Ich mag all die „Verrückten“, die ihre Träume verwirklichen (auch wenn der eine oder andere Traum platzt). Das macht unser Leben so bunt.

      Als ich im vergangenen Jahr nach Menschen suchte, die auch in der Lebensmitte oder jenseits davon Neues wagen, würde ich zunächst nicht fündig.
      Jetzt freue ich mich riesig über jeden Interviewpartner und die unterschiedlichen Lebenswege.
      Ulrike ist wirkliche eine unglaublich faszinierende Frau.
      Herzliche Grüße,
      Sabine

  3. Ich kann mich Utes Worten nur anschliessen, ein tolles Interview mit einer starken, sympathischen Frau. Denn als solche nehme ich Ulrike auf ihrem Blog, wo ich gerne immer wieder mal stöbern gehe, in den Social Medias und in ihren Kommentaren war. Ich schätze dabei ihre offene und ehrliche Art, wo auch mal Kritik rüber kommt. Aber auch diese wirkt immer ehrlich und ist fundiert – niemals destruktiv.

    Ein persönliches kennenlernen von Ulrike würde mich auch mal freuen, ich muss wohl mal eine Reise in den Norden planen.

    LG Thomas

    • Lieber Thomas,

      vielen, lieben Dank für Deinen Kommentar.
      Für mich ist Ulrike auch eine sehr faszinierende, starke und authentische Frau.
      Ich habe mich daher über ihre Zusage zu diesem Interview sehr gefreut.

      Dein Blog ist auch sehr interessant, da werde ich sicher noch öfter lesen.
      Du hast mich inspiriert, mich mit Piwik zu beschäftigen.
      Liebe Grüße,
      Sabine

  4. Ja, so schön u voller Wunder!
    Irgendwie geht es immer weiter. Und manchmal muss man in den sauren Apfel beißen und auch einen nicht so traumhaften Job zumindest für eine Zeit lang akzeptieren können. Wenn es fürs Überleben notwendig ist. – nicht überleben, sondern LEBEN! …Habe ich auch so erfahren dürfen. Wieder eine starke Frau, die ich hier treffen darf! DANK an dich Sabine und an Ulrike! Ich wünsche euch beiden, bleibt gesund und froh u alles kommt gut!
    ALOHA = möge die Sonne auf dein Leben scheinen!

    • Liebe Moni,

      erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Deiner neuen Webseite – sie ist sehr schön geworden.
      Ja – ich bin Euch starken Frauen sehr dankbar für Euer Teilen.
      Ihr habt es gelebt: Veränderung ist möglich, wenn man an seine Träume glaubt.
      Herzliche Grüße,
      Sabine

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